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Action um jeden Preis?

Der folgenschwere Sturz des österreichischen Skifahrers Matthias Lanzinger am vergangenen Wochenende beim Weltcup-Super-G im norwegischen Kvitfjell bewegt in diesen Tagen die alpine Skiwelt. Das traurige Schicksal des sympathischen Sportlers - die Amputation seines linken Unterschenkels nach zwei langen Operationen - hat neuerliche Diskussionen um die Sicherheit der Fahrer ausgelöst. Obwohl bei solch schwerwiegenden Gefäßverletzungen jede Minute zählt, vollzog der Transport des Gestürzten über fünf Stunden. Es stand kein Rettungshubschrauber zur Verfügung; kaum vorstellbar, dass ein Touristenhubschrauber schließlich umgebaut werden musste, um Lanzinger ins Krankenhaus nach Lillehammer fliegen zu können. Dort war man jedoch auf eine solch schwere Verletzung nicht vorbereitet, sodass er schließlich nach Oslo weiterverlegt werden musste. Der österreichische Skiverband gibt dem Ausrichter und dessen katastrophaler Organisation eine Mitschuld an der Amputation.

Der ehemalige Abfahrer Sepp Ferstl monierte, dass Skifahrer "nur noch Freiwild" seien. Dreht es sich also in der aktuellen Skiwelt nur noch um Geschwindigkeit, Action und Nervenkitzel für die Zuschauer, ohne dabei die Rücksicht auf die mögliche Gefahr für die Sportler zu nehmen? Festzuhalten bleibt: Die Liste der in dieser Saison bei einem Skiweltcuprennen gestürzten Fahrer ist lang. Im Folgenden nur eine Auswahl:

  • Aksel Lund Svindal, amtierender Weltcupgesamtsieger - tiefe Schnittwunden und Gesichtsverletzungen
  • Scott McCartney - isoliertes Schädel-Hirn-Trauma
  • Stefan Keppler - Kreuzbandriss
  • Ondrej Bank - Unterschenkelbruch
  • Patrick Hinterseer - Verletzungen der Brustwirbel
  • Andreas Buder - Schienbeinbruch.

Lanzinger Sturz bildet also leider nur einen Abschluss vieler heftiger Stürze in der aktuellen Saison. Vermehrt enden diese mit schwerwiegenden Folgen für die Fahrer.

Die "Streif" in Kitzbühel, die wohl berühmteste aber auch gefährlichste Abfahrt im Skizirkus, wurde dieses Jahr so umgebaut, dass die Fahrer teilweise bis zu 80 Meter weit sprangen. Höher, schneller, weiter, spektakulärer - im Kampf um die Gunst der Zuschauer und Sportfans scheinen die Veranstalter einem Geschwindigkeitsrausch zu verfallen. Obwohl sich die Fahrer der Gefahr ihrer Sportart bewusst sind, kritisieren sie diese Entwicklung und sehen sich als Opfer einer gefährlichen Kampagne.

Zurecht! Denn als Sportfan möchte man sich an spannenden Wettkämpfen, faszinierenden Zweikämpfen und jubelnden Siegern erfreuen und nicht andauernd das unheilvolle Brummen des Rettungshubschraubers hören. Den Veranstaltern sollte dringend bewusst werden, dass die Fahrer das höchste Gut des Skisports sind und dass mit deren Leben und Gesundheit nicht fahrlässig umgegangen werden sollte.

FIS-Chef Günter Hujara kündigte genaue Untersuchungen an, wies aber zugleich jegliche Kritik an der Rennstrecke zurück und führte den Unfall auf einen Fahrfehler zurück. Dies mag vielleicht zutreffen und gilt sicher auch für einen Großteil der folgenschweren Stürze dieser Saison, jedoch sollte sich der Skiverband dringend Gedanken machen, ob die immer anspruchsvolleren Strecken möglicherweise das Können der Fahrer überfordern.

In jedem Fall ist es bestürzend, dass erst ein Fahrer so schwer verletzt werden musste, damit sich die Organisatoren mit diesem Thema intensiver auseinandersetzen. Was auch kommen mag: für Matthias Lanzinger kommen diese Diskussionen leider zu spät!

 

1 Kommentar 5.3.08 18:27, kommentieren